Walsers Tagebücher 79-81: ein Kompendium der Geistlosigkeit

26 Sep

Wer sich unter einem Schriftsteller bislang einen geistigen Menschen vorgestellt hatte, wird in den jüngst erschienenen Tagebüchern Walsers eines Besseren belehrt: Walser bringt das Kunststück fertig, auf über 600 Seiten nicht eine einzige literarische Frage, nicht ein einziges ästhetisches Problem zu behandeln. Am Ende der Lektüre empfindet der Leser nicht nur Ekel vor einer derart geistlosen Figur wie Walser – er ist auch objektiv dümmer geworden: kein Mensch erträgt ein solches Maß an Kleinkariertheit, Beschränktheit und Larmoyanz, ohne dabei Schaden an seiner geistigen Gesundheit zu nehmen. Seite für Seite gewährt Walser freimütig Einblick in seine feige Spießerseele, die unablässig beschäftigt ist mit der Sorge um Platzierungen auf der Bestsellerliste, Liebedienerei vor Kritikern, Neidbeißerei gegenüber besseren und erfolgreicheren Autoren, dem Ausbreiten nur zu begründeter Minderwertigkeitsgefühle, dem Beschwören der eigenen völkischen Zugehörigkeit, der penetranten Neugierde des Rassenkundlers und vor allem dem Pampern der vier zickigen Töchter.

Überhaupt scheinen Mitglieder der Familie Walser von rassischen Obsessionen besessen: Walsers Gattin Käthe betreibt Schädelkunde, also jenen Ableger der Rassepolitik, dem in verflossenen Zeiten wissenschaftliche Weihen zuteil wurden. Walser selbst ist unentwegt mit der Frage befasst, ob seine Gesprächspartner nun jüdischer Abstammung sind oder nicht, und auch Tochter Alissa treibt die Frage ihrer genetisch-biologischen Herkunft um. Ruth Klüger erinnert Walser daran, dass dieser bereits in den 50er Jahren auf ihren Antisemitismusvorwurf nichts anderes zu erwidern gewusst habe, als dass er doch Kafka läse, als hätte es nicht auch unter Nazis nicht etliche Mendelssohn-Liebhaber gegeben. Walsers Sippe entpuppt sich als geistig regredierter Clan, der keinem seiner Mitglieder die Chance zur Individuation gibt und alle nur als Exemplare eines Stammes gelten läßt, von denen absolute Fügsamkeit verlangt und entboten wird. So schreibt Walser anläßlich der Taufe eines Enkels: „Aber du gehörst nicht nur zu einer Kirche, du heißt auch Walser, damit gehörst du zu einer Familie und dazu noch zu einem Stamm.“ Ein gnädiges Schicksal in Gestalt eines frühen Todes ersparte dem Sprößling ein Leben als Hottentotte am Bodensee, das unter diesen Voraussetzungen nur zu einer verpfuschten Existenz hätte führen können. Unter Papas Fuchtel wachsen die Walsertöchter zu peinlichen Parodien ihres Erzeugers heran. Mitleiderregend ist es, wie Walsers Töchter sich nicht die kleinste geistige Abweichung von dem Weg gestatten, den Papa ihnen bahnt. Verächtlich ist es, wie sie alle aufs Wort gehorchen und brav das Stöckchen apportieren, das Papa ihnen hinschmeißt. „Für die Europawahl haben wir 4 SPD-Stimmen gestellt. Wenn Johanna in Köln wählen und auch SPD wählen würde, sogar 5“, meldet Papa stolz, den es, wie alle Kleinbürger, zur Sozialdemokratie zieht. Bei den Walsers gilt das Führerprinzip, und die Töchter sind willige Vollstrecker von Papas Willen, denn auf sich gestellt reihen diese Pleite an Pleite aneinander. Kein anderer Autor des 20. Jahrhunderts hat ein solches Maß an künstlerischer Unfähigkeit hervorgebracht wie Walser in Gestalt seiner drei schreibenden Töchter, die sich zu ihrem Erzeuger verhalten wie die Nullen hinter dem Komma zu der Null vor dem Komma. Tatsächlich sind Walsers Töchter der Alte, wie er leibt und lebt: dieselbe geistige Inferiorität, dieselbe Gefallsucht, präpotente Dummheit zeigen sich in ihren Äußerungen, die Papa mit Vaterstolz wiedergibt: ob die 13jährige Theresia mit obsessivem Haß auf klügere und hübschere Mitschülerinnen ihre Intrigen spinnt, Alissa ihr eigenes künstlerisches Versagen durch Papas Protektion zu kaschieren sucht oder Johanna von Papas Beziehungen profitiert: Unausgesetzt antechambriert Walser im Dienste seiner talentfreien Replikanten, legt sich für sie ins Zeug, verschafft ihnen Jobs, Studienplätze, Publikationsorte, Eigentumswohnungen und ruiniert sie dadurch charakterlich vollends. Das totale Scheitern seiner Töchter auf dem Felde der Literatur wird umso eklatanter, wenn man sich Papas Protektionsbemühungen in einem durch und durch korrupten Literaturbetrieb vor Augen führt.

Walsers Eingeständnis „ich habe nichts erreicht, gemacht, gehabt, geliebt außer diesen Kindern, sie sind mein Ein und Alles“ kommt einer Bankrotterklärung gleich, denn diese sind, wie Walser sehr wohl ahnt, zickige, unbegabte Attrappen ihres Vaters. Jeder Vergleich mit anderen Kindern führt Walser dies schmerzhaft vor Augen. Und so führt der Neid auf gelungene, glückliche, schöne Wesen Walser wie allen Zukurzgekommenen die Feder. „So wie ich die Töchter nicht ertrage in Gesellschaft von schöneren Mädchen. Ich will nur solche Gesellschaft, dass unsere Töchter dadurch schön werden (…). Ich will keine uns herabwürdigende Gesellschaft.“ Walsers Familienleben war für ihn Tag für Tag ein Spießrutenlaufen, denn schönere Wesen als seine reizlosen Töchter dürften ihm auf Schritt und Tritt begegnet sein. Und so hält sich der frustrierte Papa schadlos, indem er die hübsche 15jährige Nachbarstochter beim Nacktbaden beobachtet. Denselben Prüfungen wird walser im Blick auf seine Gattin Käthe ausgesetzt: „Mir tut es weh, wie die Blicke junger Menschen auf Käthe und mir einschlagen, wie Granaten, und von uns nur Zerstörung übriglassen. Ich ertrage uns nur allein. Auf jeden Fall nicht mit Jüngeren.“ Man kann es verstehen, wenn der notgeile Walser Frauen, die attraktiver sind als seine unansehnliche Käthe – also alle – schmachtend in den Ausschnitt linst. Ohneein scheint Walser bereits in jüngeren Jahren der dirty old man gewesen zu sein, der dann als Greis obszön-schmierige Romane schreibt. So hat er bei einem Aufenthalt in NY nichts Besseres zu tun, als ein Pornokino zu frequentieren, was er sich am Bodensee anscheinend nicht traut. Der vEkel, der den Leser bei der Lektüre fasst, ist Walsers eigener vor sich selbst: „Solche wie mich verachte ich. Mich aber nicht.“ S. Unselds Urteil über Walser trifft den Nagel auf den Kopf: „Du bist genauso naiv und provinziell wie deine Töchter.“

Selbst walsers AQlpträume sind an Belanglosigkeit kaum zu überbieten: „Geträumt, dass Ch. Wolf auf drei Listen auf Platz 1 stehe.“ Man braucht keinen Psychoanalytiker, um der deprimierenden Banalität einer solchen Krämerseele auf die Schliche zu kommen.Als Gschaftlhuber nervt er seinen Verleger permanent mit Fragen nach den Absatzzahlen seiner Bücher, bis dieser gar nicht mehr antwortet und kontrolliert im Stile eines Kleinhändlers Woche für Woche die eigene Platzierung auf der Bestsellerliste. All dies ist ungefähr so erkenntnisstiftend, als würde jemand die Bundesligatabellen der Jahre 79-81 runterbeten.

Walser, der intellektuell nichts in die Waagschale zu werfen hat, geriert sich wie alle Kleingeister als alerter Adabei: „So habe ich mehr oder weniger kennengelernt die 4 großen jüdischen Geister Bloch, Adorno, Scholem und Marcuse“, vermerkt er stolzgeschwellt. Er hat sie weniger als mehr kennengelernt, denn dass er diesen nicht zu sagen hatte und diese ihn nicht mal zur Kenntnis nahmen, verschweigt er geflissentlich.

An interessantem Klatsch hat der Band nur zu bieten, dass der Kommunist Gremliza seinen Sohn auf das Milliardärsinternat Salem schickt, damit dieser dort mit dem Klassenfeind fraternisiere, mit dem Vater angeblich gar nichts zu tun haben will. Im Ganzen finden sich exakt 2 Erkenntnisse: 1. Wenn Hitler keinen Krieg angefangen hätte, wäre Deutschland heute ein erfolgreicher faschistischer Staat. (…) Ich wäre ein faschistischer Schriftsteller geworden.“ So groß ist die Differenz nicht: heute ist er ein antisemitische Hetze verbreitender Autor. 2. „Die unterste Kategorie der öffentlichen Meinung und des Showbusiness: das bin ich.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. (MDML, 51)

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3 Antworten to “Walsers Tagebücher 79-81: ein Kompendium der Geistlosigkeit”

  1. Claudia W. September 27, 2014 um 9:17 pm #

    Herrn Walser bezeichnen Sie als beschränkt, beschränken sich jedoch selbst ausschließlich darauf, alles was Herr Walser tut oder lässt in negativster Weise abzuwerten, ohne zu berücksichtigen, dass nichts „nur gut“ bzw. „nur schlecht“ sein kann.
    Sie sprechen von einem (seinem) Tagebuch. Was ist so unnormal daran, in einem solchen über seine Kinder zu sprechen?
    Es mag den einen oder anderen seltsam berühren, dass Walser seine Töchter sinngemäß als ästhetisch ungenügend einstuft. Man könnte sich ebenso fragen, wie ein derart „gefragter“ Mann sich „so eine“ Käthe hat aussuchen können. Und doch hat sie es verstanden, ihn für sich einzunehmen. Und ein recht attraktiver Mann, hat dann eben nur ein attraktives Kind in diese Welt gesetzt. Nämlich den Jakob.
    Schließlich und endlich jedoch gehört es sich einfach nicht, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Für Sie geistig in allerhöchsten Sphären Schwebenden wohl auch wieder so eine banale Aussage, doch sie entspricht der Wahrheit.

    Was ist ferner so unnormal daran, seinem Nachwuchs in puncto Studium, Brötchen verdienen etc. unter die Arme zu greifen, so die Möglichkeiten vorhanden sind???
    Warum sollten Selbstzweifel in einem Tagebuch kein Verarbeitungsplattform finden dürfen?
    Weshalb sollte ein Schriftsteller die Absatzzahlen seines Buches als uninteressant empfinden?
    Dass die Töchter kein Eigenleben entwickelt haben, kann ich fast nicht glauben. Ich habe auf „You Tube“ Alissa bei einer Lesung eines ihrer „Werke“ verfolgt und konnte es kaum fassen, wie langweilig, verschlafen, eintönig und halbtot sie den von ihr geschriebenen Text wiedergegeben hat. Ich wäre nach 5 Minuten davongerannt.
    Die Leidenschaft und das Temperament ihres Vaters hat sie schon mal nicht.
    Muss ein Tagebuch ein“ästhetisches Problem“ behandeln und vor allem…“was IST ein ästhetisches Probelm????

    Haben Sie Kinder? Würden Sie ertragen wollen, dass jemand den Tod ihres Kindes als gnädiges Schicksal bezeichnet?

    Welch tiefe Liebe zu Herrn Walser muß dazu geführt haben, dass Sie sich zu einem solch sinnlosen Hass hinreißen lassen? Sich mit solcher Inbrunst an ihn binden?

    Mich wundern bezügl. des Tagebuches andere Dinge. Z.B. wie man sich daran aufhängen kann, ob die Krawatte des Gegenübers 2 oder 3 Streifen hat. Dafür wäre mir meine Lebenszeit zu schade.
    Doch es ist Martin Walsers Tagebuch. Nicht meines. Ich kann es lesen oder ignorieren.

    Ich besitze die ersten 3 Tagebücher und lese ab und zu darin herum. Habe für jedes 5 Euro bezahlt. Gefunden in der Mängelexemplarsektion eines Überlinger Buchladens. Würde auch niemals 26 Euro dafür ausgeben.

    Ich lese in allen Büchern Walsers nur herum. Manche Sätze schreibe ich mir heraus, so berührend empfinde ich sie. Andere Teile des Buches erscheinen mir als unlesbar. Unzumutbar.

    Mir ist wichtig, ob ein Mensch mich berührt, oder nicht. Herr Walser berührt mich. Er boxt und streichelt und strahlt viel Liebe aus. Das konnte ich selbst spüren, als ich vor 1 Woche im Stuttgarter Literaturhaus in der ersten Reihe saß. Neben mir meine 19jährige Tochter. Schon zum 2.Mal mitgegangen. So verstaubt kann er also nicht sein.

    Lieben und Vergeben. Diese Worte habe ich mitgenommen. Aus seinem Munde. Und stellen Sie sich vor, seine letzten 2 Sätze, die er aus seinem Tagebuch vorlas, die ich Ihnen nicht verrate, haben mich zum Weinen gebracht.

    Claudia W.

  2. Claudia W. Oktober 2, 2014 um 3:32 pm #

    P.S. Ich will noch anmerken, dass ich in puncto elterliche Unterstützung bezügl. Geldverdienen der Kinder eher die Schauspielerin im Kopf hatte, der ihr Vater behilflich gewesen sein soll, Engagements zu bekommen. Falls sie tatsächlich schauspielen kann. Und nicht ebenso vom Bekanntheitsgrad des Familienoberhauptes profitiert, ohne eigenes Talent mit einzubringen. Die schreibenden Töchter, da gebe ich Ihnen absolut recht. Es ist ärgerlich und verachtenswert, von einem Verlag unterstützt zu werden, weil man „Tochter von“ ist. Sich dann auch noch irgendwo SO vorzustellen….da werde ich rot.

    Dass Schlaftabletten ohne Talent Lesungen halten dürfen (und Leute da auch noch hingehen!!!!), und andere Ableger des Clans Ursache dafür werden, dass sich ein Schulkind geistig vergewaltigt fühlt, weil es Schund gezwungen wird zu lesen, das ist erbärmlich. Als ob das Schulleben nicht schon zermürbend genug wäre.
    Man stelle sich vor, es standen 2 Bücher zur Auswahl. Eines von Hesse. Das andere von Theresia Walser. King Kongs Töchter, wie bereits erwähnt. Die Lehrerin meinte, Hesse könne man nicht lesen. Und zog den Schund vor. Man mag von Hesse halten was man will, doch so eine Lehrkraft auf Schüler loszulassen…..!!

    Die Schüler meinten übrigens später, das Walsertochter-Buch sei zwar völlig anspruchslos geschrieben, dennoch habe man nichts verstanden. Einfach irgendetwas hingesudelt. Sie ließe die Charaktere schwätzen, ohne dass sie etwas sagten und so verschwendete man (im ohnehin knapp bemessenen G-8 -Irrsinn untergehend) Unterrichtsstunden, in denen man sinnvolleres hätte tun können. Zum Beispiel schlafen.

  3. Claudia W. Oktober 18, 2014 um 6:56 pm #

    Lieber Herr Wiemer, nachdem ich alles ein bisschen auf mich habe wirken lassen, muß ich Ihnen doch größtenteils recht geben. (Bis auf einen heiklen Punkt.) Man stellt sich ja gerne als Gutmensch zur Schau, und der bin ich eigentlich nicht. Dieser Artikel, den Sie sicherlich schon kennen, bringt es nochmals auf den Punkt.

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/martin-walsers-tagebuch-solche-wie-mich-verachte-ich-mich-aber-nicht-13210458.html

    Wer an Walser Interesse hat, seine Lesungen im Netz verfolgt, muß (was z.B. die aktuelle Lesung angeht)sich jedes Mal aufs neue anhören, wie viele Pfeifen ein soundso in so und so vielen Stunden rauchen kann oder auch nicht….immer und immer wieder das gleiche Geschwätz mit solcher Inbrunst vorgetragen, da grauts einem ein bisschen, muß da doch extrem viel Größenwahn vorhanden sein. Frage mich allgemein, weshalb man immer wieder die identischen Stellen vorträgt…aber vielleicht ist das ja Brauch.

    Was Sie aktuell über Alissa schreiben….was die Kritzeleien auf Papas Buchumschlägen mit Kunst oder Ästhetik zu tun haben sollen, ist mir auch ein Rätsel. Andererseits gibt es unzählige SchriftstellerINNEN, die Dreck am Stecken haben oder unfähig sind und einfach das Dummenglück haben, sich an die Karre eines anderen hängend mit ihren Exkrementen auch noch Geld zu verdienen. Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit ausgerechnet dieser Dame?

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