Archiv | März, 2013

Verschmockt

19 Mrz

Aufgrund des Versehens eines Redakteurs wurde in meiner Rezension von M. Walser, Der Leser hat das Wort. Festschrift für H.G.Olms (Jungle world  Nr. 11/2013), Walsers Werke irrtümlich dem Genre Literatur zugeordnet. Daher hier die ungekürzte Fassung:

 

Wie weit kann es mit der Ehre eines Menschen her sein, zu dessen Geburtstag ein Staatsminister, der Emir von Sharjah sowie mit dem Direktor eines Nationalgestüts ein echter Herrenreiter Grußworte beisteuern und ausgerechnet Martin Walser eine ‚Liebeserklärung‘ titulierte Festrede hält, wobei man wissen muß, dass es in Walsers Werk von derart benannten Texten wimmelt, die entweder dem Tatbestand der üblen Nachrede oder dem der Nötigung nahekommen?

Walser schildert seine mißglückte Initiation in die Welt der Bücher, die grundlegend ist für sein Selbstmißverständnis, bei seinem eigenen Schrifttum handele es sich um Literatur. Er intendiert eine Apotheose des Lesens und statuiert, ohne es zu bemerken, sich selbst als Exempel der Geistlosigkeit des literarisch Gebildeten, des Lesers. In seinen zahllosen Fehllektüren vergeht er sich am Geist jener Bücher, die er sich massenhaft einverleibt. Wenn Walser liest, handelt es sich um einen Mißbrauch von Literatur. Er offenbart den kleinkarierten Horizont eines debilen Dorfschullehrers, wenn er unter Verwendung des ökologischen Nullwortes bekennt, „die Weihnachtsgeschichte ist für mich die nachhaltigste aller Geschichten“. Die Bildung, die Walser den Büchern entnimmt, stempelt ihn zum Feind des Geistes. Ebensowenig wie der Kinderschänder, der sich das Objekt seiner Begierde unterwirft, ein Verführer genannt zu werden verdient, kann der Autor und Leser Walser ein geistiger Mensch genannt werden. Er, dem das humane Poential der Ironie ein Leben lang unzugänglich blieb und der Ironie stets mit Häme verwechselte, bezieht sich im Ton des Einfaltspinsels auf Kierkegaards ‚Begriff der Ironie‘: „Ich interessierte mich für Ironie.“ Walser, unfähig den Geist der Literatur zu apperzipieren, nimmt an ihren Werken Rache für die eigene geistige Inferiorität, die sprachliche Impotenz, das Fehlen jeglichen Formbewusstseins.

Zwei Dinge sind es, die den Geist des Lesers während der Lektüre formen: Einsamkeit und Freiheit. Beiden ist der Adabei und die Betriebsnudel Walser in seinem grobschlächtig-kleinbürgerlichen Habitus abhold wie niemand sonst. Unfreiwillig legt Walser von seinem trostlos-instrumentellen Verhältnis zu Büchern Zeugnis ab, wenn er berichtet, wie er umstandslos frühere Lektüren für die eigenen Machwerke „gebraucht“, „benutzt“. Dass auch das Lesen jenen geistigen Takt voraussetzt, der jegliche Nutzanwendung verbietet, kann einer wie Walser nicht begreifen.

In Walsers Literaturkabinett geht es zu wie auf dem Kostümball: „Ich lernte ich sagen bei Hölderlin, Schiller, Goethe“, „Ich ging bei Kafka in die Lehre“, „Ich ließ mich durch Nietzsche leiten“ – er schrumpft die Namen auf sein subalternes Maß, und am Ende sehen sie so verschmockt drein wie Walser selbst: Nietzsche trägt Walsers Deutschlehrerbrille, Hölderlin hat Walsers Augenbrauen angepinselt, Kafka Walsers Cowboyhut auf dem Kopf. Wenn er John Updike, den er jahrelang nachgeäfft hat, als „Kollegen“ schmäht, verkennt er, dass es diese Kategorie unter Angestellten, nicht aber unter Autoren gibt.

Allerdings hat die Allotria ein Ende, wenn Walser jener protestantischen Kulturreligion huldigt, deren Verinnerlichungstendenz das Scheitern der Zivilisation hierzulande zu verantworten hat. Er gibt sich als „Büchermensch“ aus und rekurriert fast wortgleich auf das Vokabular jener anderen Festrede, die Goebbels, promovierter Germanist wie Walser, bei der Bücherverbrennung hielt: „Der deutsche Mensch soll ein Mensch des Buches sein.“ Walsers pompöser Hymnus auf das Buch ist mit exakt den religiösen Floskeln orchestriert, mit denen die Nazis ihre Autodafés sakral beweihräucherten und sich dabei nicht zu Unrecht auf Luthers Verbrennung der Papstschriften beriefen. Walser rodomontiert von den „heiligen Namen“ der Dichtung, vom Lesen als „herrufbares Pfingsten“ – genauso hatte es auf dem Bonner Marktplatz geklungen, als die versammelte Akademikerriege die Bücher ins Feuer warf.

Zuletzt verschlägt es einem den Atem. Ausgerechnet Walser, NSDAP-Nr 9742136, dessen Nazi-Mutter, der er nach wie vor in Verehrung verbunden ist, der Vernichtung der Juden weder geistig noch moralisch nie etwas entgegenzusetzen hatte, besitzt die Chuzpe, Heines Wort vom Buch als Vaterland der Juden für sich zu reklamieren: „Darin lese ich meine Geschichte.“ Das geht zu weit. Die Geschichte der Familie Walser wird von einer anderen Sentenz Heines illustriert: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Die Bücherverbrennung sollte das Schrifttum im Zeichen von Heimat und Familie restituieren, also im Sinne dessen, wofür Walsers Elaborate stehen. So gesehen sind Walsers Werke die Strafe für die von den Nazi-Akademikern veranstaltete Bücherverbrennung.

Den Band beschließt ein Foto der Festgesellschaft. Man muß ihnen in die Gesichter sehen, dieser Ansammlung von Kulturbündlern. So sieht sie aus, die ehrenwerte Mischpoke, auf die Nietzsche den Satz münzte: „Noch 100 Jahre Leser und der Geist wird stinken.“